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Pyrrolizidinalkaloide in Kräutertees und Tees

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Schwangere, Stillende und Kinder sollten Kräutertees aus Kamille, Pfefferminze, Melisse, Brennnessel und Fenchel nur in Maßen trinken. Dies geht aus einer Stellungnahme des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) hervor.

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Das BfR in Berlin hat im Juli 2013 in 221 untersuchten handelsüblichen Kräutertees und Tees zum Teil hohe Dosen Pyrrolizidinalkaloide (PA) festgestellt. PA sind Pflanzeninhaltsstoffe, die sich im Tierversuch teilweise als krebserregend erwiesen haben; vor allem aber wirken sie giftig (toxisch) auf die Leber. Untersucht wurden Babyfencheltee sowie Fencheltee, Kamillentee, Kräutertee, Pfefferminztee, Brennesseltee und Melissentee.

Die Gehalte einzelner Proben schwanken innerhalb der gleichen Teesorte erheblich. Deshalb sind noch keine sicheren Aussagen zum gesundheitlichen Risiko bei regelmäßiger Aufnahme belasteter Teeaufgüsse möglich. Eine akute Gesundheitsschädigung ist jedoch unwahrscheinlich. Allerdings könnte ein gesundheitliches Risiko bei längerfristigem Verzehr hoher Mengen Tees mit hohen Gehalten an PA bestehen, insbesondere bei Kindern, Schwangeren und Stillenden.

Auch bei einer Stichprobe im Auftrag des Wirtschaftsmagazins WISO (ZDF) konnten im April 2014 PA nachgewiesen werden. In zehn von fünfzehn Kamillentee-Sorten sei das Pflanzengift "teilweise in geringen, aber auch in hohen Mengen" gefunden worden.

Was sind hohe Mengen?

Als überdurchschnittlich hohe Mengen Kräutertee gelten circa drei Tassen Tee à 200 Milliliter pro Tag für Erwachsene (Durchschnittsgewicht von 72 Kilogramm), inklusive Grün- und Schwarztee fünf Tassen pro Tag. Der Normalverzehrer nimmt nur eine Tasse zu sich. Kinder sind mit einer Tasse à 200 Milliliter Vielverzehrer und mit einer viertel Tasse Normalverzehrer.

Eltern rät das BfR vorerst, ihren Kindern nicht ausschließlich Kräutertees und Tee anzubieten. Wenn Babys und Kleinkinder Kräutertee trinken, genügt eine Dosierung von einem Teebeutel auf einen Liter Wasser. Kräutertees wie Kamille, Pfefferminze oder Salbei sollten sie nur bei Krankheit nach Rücksprache mit dem Kinderarzt bekommen. Auch Schwangere und Stillende sollten Kräutertees und Tee abwechselnd mit anderen Getränken konsumieren. Gute Alternativen sind Wasser pur oder aufgepeppt mit Limettenscheiben oder Gurkenstückchen, Früchtetees und Fruchtschorlen. Für Babys geeignet sind abgekochtes Leitungswasser oder Mineralwasser mit der Kennzeichnung "zur Zubereitung von Säuglingsnahrung geeignet".

Handelt es sich um einen neuen Schadstoff?

PA sind sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe, die von vielen Pflanzen zur Abwehr von Fressfeinden gebildet werden. Schädlich sind nicht die PA selbst, sondern deren Abbauprodukte in der Leber. In Lebensmitteln sind sie deshalb unerwünscht. Schätzungsweise 6.000 Pflanzenarten weltweit enthalten PA, darunter zum Beispiel Vergissmeinnicht, Huflattich, Borretsch und Beinwell.

Bisher wurden PA in Deutschland vor allem in Greiskraut (Jakobs-Kreuzkraut) - einem Rucola/Rauke sehr ähnlich sehendem Unkraut - festgestellt. Über den Eintrag von Pollen und Nektar sind auch bei Honig zum Beispiel in Niedersachsen und Schleswig-Holstein einzelne erhöhte Gehalte ermittelt worden. Durch eine neue Untersuchungsmethode konnte das BfR wurde nun auch in Kräuterteesorten sowie in grünem, schwarzen und Rotbusch-Tee Belastungen mit PA bis zu 3.430 Mikrogramm pro Kilogramm (µg/kg) Trockenprodukt nachweisen. In der Stichprobe fielen besonders Kamille und Melisse durch hohe Gehalte auf.

Der Gehalt in Lebens- und Futtermitteln hängt von einer Vielzahl von Faktoren wie Art, Organ (der PA-erzeugenden Pflanze), Ernte, Lagerung und Extraktionsverfahren ab.

Grundsätzlich können PA auch in (Ziegen-)Milch vorhanden sein. Ein mögliches Risiko wird jedoch durch eine Vermischung verschiedener Milchlieferungen vermindert. Eine Gefahr könnte nur der Verzehr von Milch eines einzelnen Tieres, das PA über das Futter aufgenommen hat, darstellen. Da Kühe (und Pferde) auf PA sehr empfindlich reagieren, dürfte die Kuh als Milchlieferant aufgrund der eigenen Erkrankung frühzeitig gesperrt werden.

Gesetzliche Regulierungen und Grenzwerte

Im Gegensatz zu Arzneimitteln gibt es weltweit keine generellen gesetzlichen Bestimmungen/Grenzwerte für PA in Futter-und Lebensmitteln. In Belgien ist die Verwendung von Borretsch untersagt (Ausnahme: Borretschöl, wenn PA-frei). Hierzulande gilt für pflanzliche Arzneimittel ein Grenzwert von 1 µg PA pro Tag bei Aufnahme durch den Mund und 100 µg PA/Tag bei äußerlicher Anwendung. Diese Produkte dürfen maximal 6 Wochen im Jahr eingesetzt werden. Bei längerer Anwendung gelten niedrigere Grenzwerte von 0,1 µg PA bzw. 10 µg PA pro Tag. Bei Schwangeren und in der Stillzeit dürfen diese Arzneimittel nicht angewendet werden.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) sieht derzeit keine Möglichkeit, eine tolerierbare tägliche Aufnahmemenge (TDI-Wert) festzulegen.

Risikobewertung durch die EFSA

Die EFSA hat im Jahr 2011 ein wissenschaftliches Gutachten zum Vorkommen von PA in Lebens- und Futtermitteln erstellt. Mangels sonstiger Daten beziehen sich alle Aussagen ausschließlich auf den Verzehr von Honig. Basierend auf dem gegenwärtigen Kenntnisstand geht das Gremium davon aus, dass bestimmte PA das Erbgut schädigen und Krebs hervorrufen können. Bei Erwachsenen wurde für Honig kein Problem gesehen. Bei Kleinkindern und Kindern, die große Mengen an Honig verzehren, sind gesundheitliche Bedenken möglich. Auch wer regelmäßig unverschnittenen Honig bestimmter Kleinerzeuger isst, kann PA doppelt so hoch ausgesetzt sein wie Verbraucher, die für den Einzelhandel industriell erzeugten Honig konsumieren. Für 2015 wird ein aktualisiertes Gutachten erwartet.

Untersuchungen zeigen, dass etwa ein Zehntel des Honigs auf dem deutschen Markt PA enthalten. Problematischer sind die als Nahrungsergänzungsmittel angebotenen Pollenprodukte. Dabei wurden deutlich höhere Belastungen als bei Honig gefunden.

Herstellerbefragung durch Verbraucherzentralen

Das BfR hat die Hersteller aufgefordert, Teechargen vor der Vermarktung ausreichend zu kontrollieren, da die Unternehmen für die Sicherheit ihrer Produkte verantwortlich sind. Gerade die Tees für Babys dürften nicht mit PA belastet sein, da Babys anders als Erwachsene noch nicht über PA-Entgiftungsmechanismen verfügen.

Die Verbraucherzentrale NRW hat daher im Spätsommer 2013 bei den wichtigsten Baby- und Stilltee-Herstellern (Alete, Alnatura, Babylove, Bebivita, Hipp, Milupa und Rossmann) nachgefragt, wie diese mit dem Problem umgehen. Nach eigener Darstellung arbeiten diese Firmen gemeinsam mit ihren Lieferanten daran, die Werte zu reduzieren, und versuchen, die vom BfR neu entwickelte Methode zu einer Standard-Labormethode zu machen und in die Qualitätssicherung einfließen zu lassen. Bebivita und Hipp kontrollieren nach eigener Aussage jede Kräutertee-Charge auf PA. Die Lieferanten von Milupa hatten sich bereits in der Vergangenheit bemüht, die PA-Menge zu verringern. Inwieweit das tatsächlich dazu geführt hat, die Belastung zu verringern, müssen weitere (öffentliche) Untersuchungen zeigen.

Weitere zwölf Unternehmen hat die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg befragt. Über die Antworten können Sie sich in einer Zusammenfassung und im Detail informieren.

Das machen die Behörden

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) sieht es als erforderlich an, zunächst weitere Daten hinsichtlich des Vorkommens von PA in Lebensmitteln zu erheben, um die verschiedenen möglichen Expositionsquellen angemessen berücksichtigen zu können. In 2015 läuft ein koordiniertes amtliches Monitoring-Projekt zu PA in Tee und Kräutertees. Ebenso werden für dieses Jahr europaweit ermittelte Projektergebnisse und eine aktualisierte Stellungnahme der EFSA erwartet. Das BMEL: "Nur auf der Basis einer belastbaren Risikobewertung können konkrete regulative Maßnahmen zum Verbraucherschutz ergriffen werden. Eine vollständige PA-Freiheit erscheint grundsätzlich angesichts der Tatsache, dass es sich bei Tee und Kräutertees um Naturprodukte und bei PA um natürliche Inhaltsstoffe vieler Pflanzenarten handelt, eher unrealistisch."

Was können bis dahin Verbraucher tun?

Verbraucher, die häufig oder viel Tee trinken, sollten nicht ausschließlich Kräuter-, Schwarz-, Grün- oder Rotbuschtee aufbrühen. Es ist sinnvoll, sowohl die Sorten als auch die Hersteller zu wechseln. Bioprodukte sind nicht günstiger, da es sich bei den PA um einen natürlichen Inhaltsstoff der Pflanzen handelt. Vor allem Babys sollten eher seltener Tees bekommen. Einige Hersteller haben auf ihren Internetseiten Stellungnahmen und Untersuchungsergebnisse zu PA veröffentlicht. Sind diese Informationen unbefriedigend oder fehlen sie ganz, sollte man sich nicht scheuen, bei der Firma detailliert nachzufragen.

Forderungen der Verbraucherzentrale

  • PA sind grundsätzlich in Lebensmitteln unerwünscht. Wir fordern deshalb, Summengrenzwerte/Höchstgehalte an der Grenze zur Nachweisbarkeit festzulegen und diese Werte bei verbesserter Nachweistechnik anzupassen.
  • In Produkten wie Tees für Säuglinge und Kleinkinder dürfen PA nach unserer Auffassung grundsätzlich nicht nachweisbar sein.
  • Die Produzenten haben durch Kontrollen vor der Ernte sowie auch durch Untersuchungen bei Eingang der Kräuter mit validierten Nachweismethoden sicher zu stellen, dass nur unbelastete Ware verkauft wird.
  • Regelmäßige Kontrolle (Monitoring) der PA-Gehalte in Lebensmitteln, besonders bei Honig, Tee/Kräutertee, honighaltigen Lebensmitteln (besonders für Kinder) durch die amtliche Lebensmittelüberwachung
  • Es muss verhindert werden, dass sich PA-haltige Beikräuter (zum Beispiel Senecio-Arten wie Greis- oder Jakobskreuzkraut) weiter ausbreiten. Politik und Landwirtschaft haben die Aufgabe, dafür Konzepte zur Eindämmung zu entwickeln.

 

 

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